Die Kraft in Dir

 

Eine Erfahrung, die mich in meiner eigenen Entwicklung und in der Begleitung von Menschen immer wieder berührt, ist:

In uns lebt etwas, das auch durch schwierige Erfahrungen nicht verloren geht.

Eine stille Kraft.

Manchmal ist diese Kraft kaum zugänglich.

Nicht, weil sie verschwunden wäre.

Sondern weil vieles in uns damit beschäftigt ist,
Sicherheit herzustellen.

 

 

 

Was uns schützt

 

Unser Körper und unser Nervensystem reagieren auf das, was wir erleben.

Wir ziehen uns zurück.

Wir passen uns an.

Wir werden besonders aufmerksam.

Wir versuchen, die Kontrolle zu behalten.

Wir funktionieren.

Wir halten aus.

Wir vermeiden Konflikte –
oder kämpfen um das, was uns wichtig ist.

Wir suchen Nähe –
oder halten sie auf Abstand.

Nichts davon geschieht ohne Grund.

Es sind Antworten auf Erfahrungen.

Oft waren sie einmal sinnvoll.

Manchmal waren sie sogar notwendig.

Was uns damals geholfen hat, mit dem Leben umzugehen, kann uns heute jedoch begrenzen.

Dann reagieren wir vielleicht noch auf eine Weise, die zu einer früheren Erfahrung gehört – obwohl unser heutiges Leben längst andere Möglichkeiten bereithält.

 

 

 

Eine andere Beziehung zu uns selbst

 

Veränderung beginnt für mich nicht damit, diese Reaktionen loswerden zu wollen.

Sondern damit, sie verstehen zu lernen.

Was geschieht gerade in mir?

Was versucht mein Körper zu schützen?

Was brauche ich?

Was ist heute anders als damals?

Und was ist heute möglich, was damals vielleicht nicht möglich war?

Wenn wir beginnen, uns selbst auf diese Weise zu begegnen, entsteht etwas Wesentliches:

Wir müssen nicht länger gegen uns arbeiten.

Wir können beginnen, uns selbst zuzuhören.

Mit mehr Verständnis.

Mit mehr Selbstkontakt.

Mit mehr Wahlmöglichkeiten.

 

 

 

Der Körper weiß oft früher Bescheid

 

Vieles, was uns prägt, zeigt sich nicht zuerst in Worten.

Manchmal spüren wir Anspannung, bevor wir wissen, warum.

Wir merken, dass wir uns zurückziehen.

Dass wir den Atem anhalten.

Dass wir uns anpassen, obwohl wir eigentlich Nein sagen möchten.

Dass Nähe uns gleichzeitig anzieht und unsicher macht.

Der Körper gibt uns Hinweise auf das, was in uns geschieht.

Ihn wahrzunehmen bedeutet nicht, alles deuten zu müssen.

Es bedeutet zunächst: wieder in Kontakt zu kommen.

Mit dem, was gerade da ist.

Mit dem eigenen Erleben.

Mit den eigenen Grenzen.

Mit den eigenen Bedürfnissen.

 

 

Sicherheit entsteht auch in Beziehung

 

Wir entwickeln uns nicht allein.

Beziehung prägt uns.

Und Beziehung kann auch ein Ort neuer und heilsamer Erfahrungen sein.

Ein Gegenüber, das präsent bleibt.

Ein Raum, in dem nichts erzwungen werden muss.

Eine Begegnung, in der Du mit dem, was gerade da ist, gesehen und ernst genommen wirst.

So können neue Erfahrungen entstehen.

Von Sicherheit.

Von Kontakt.

Von Wahlmöglichkeit.

Von Verbindung.

Nicht auf einmal.

Nicht durch Willenskraft.

Sondern Schritt für Schritt.

 

 

 

Die Kraft wieder spüren

 

Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, eine neue Kraft in Dir zu entwickeln.

Vielleicht geht es darum, wieder Zugang zu etwas zu finden, das längst zu Dir gehört.

Zu Deiner Fähigkeit, wahrzunehmen.

Zu Deiner inneren Beweglichkeit.

Zu Deiner Kraft, Dich zu entwickeln und zu wachsen.

Zu Deiner Würde.

Zu Deiner Lebendigkeit.

Zu Deiner Unversehrheit.

Und vielleicht entsteht daraus mit der Zeit etwas sehr Kostbares:

mehr Freiheit darin, wie Du Deinem Leben begegnest.

Nicht, weil Deine Geschichte keine Bedeutung mehr hätte. Sondern weil sie nicht mehr alles bestimmen muss.

Du bist mehr als das, was Dir widerfahren ist.

Mehr als Deine Schutzmuster.

Mehr als Deine bisherigen Antworten.

In Dir lebt die Möglichkeit, Dich immer wieder neu zu erfahren.

Nicht als jemand anderes.

Sondern immer mehr als Du selbst.

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